Neue Lyrik

Februarabend

Nebeldunst. Nach plötzlich tauendem Frost.
Nur mühsam durchdrungen vom flackernden Licht
der Straßenlaternen: dichtes Schneetreiben jetzt.
Und du so fern von mir, im Warmen.

________________________________

Als wir uns trennten

Als wir uns doch trennten,
sagtest du zum Schluss:
Und trotzdem war es schön.

Unten vor deinem Haus
sah ich nach oben.
Du standest nicht wie sonst
am offenen Fenster.

Nur die weiße Gardine
blähte sich plötzlich
und winkte mir, wild
im Winde flatternd, nach.

________________________________

Aprilbeginn

Die Birken tragen
zartgrüne Schleier.
Rot treiben Pappelblüten aus.
Ganz oben im Baum
genießt eine Elster
die wärmende Sonne.
Ich müsste mich freuen…
Und denk doch bedrückt
an die trauernde Freundin,
die vor einem Jahr
um diese Zeit
ihren Mann verlor.

________________________________

Begehren

Im Gespräch sehen wir
einander lange in die Augen.
Begehren flackert
in deinen Blicken auf.
Meine Hände würden gern
durch deine gelockten
roten Haare fahren.
Mich drängt es,
deinen Mund zu küssen.

Wohin mit unserer Begierde,
da wir doch beide
an andere
gebunden sind?

Bittersüß der zögerliche Abschied.
Wie ein halbes Versprechen:
vielleicht
schon beim nächsten Mal.

________________________________

Dein Bauch

Nein, dein Bauch
ist nicht mehr straff
wie sicher einst vor deiner
Schwangerschaft.
Doch du musst dich
dafür nicht schämen.
Schon gar nicht wegen
der Schwangerschaftsstreifen.
Wo wären wir Männer
ohne die Bäuche der Frauen?
Drum liebe ich
deinen weichen Bauch
und küss ihn zärtlich
im hellen Licht des Tages.

________________________________

Dein Duft

Ich mag den Duft
deines Geschlechts
bei gespreizten Schenkeln.
Du aber sagst,
bevor wir es treiben,
leise protestierend:
Ich müsste mich
erst einmal waschen…
Nein, sage ich,
dazu ist jetzt nicht die Zeit.
Und nehme das duftende
Delta der Lust in Besitz mit

Zunge, Fingern und dem
zwischen meinen Beinen.

________________________________

Deine Blicke

Deine Blicke streicheln
mein Gesicht,
die Brüste,
den Schoß.
Und den Hintern,
wenn ich dir
den Rücken zukehre.
Ich spüre dies.
Mir wird heiß.
Wie zärtlich mögen
erst deine Hände sein.

________________________________

Krähenlust

Märznieselregen.
Die Krähe schaukelt auf dem
dünnen Pappelzweig.

________________________________

Listige Kirschernte

Jahrelang plünderten die Stare
meine süße Glaskirsche.
Und ich hatte nichts von den Früchten.
Dies Jahr sann ich auf eine List.
Im Frühling hing ich
einen Starenkasten in den Baum.
Diese Vögel benehmen sich sittlich.
Sie achten der Artgenossen Eigentum.
Jetzt sitze ich täglich unterm Kirschbaum,
trinke genüsslich ein Bier,
höre dem Schwätzen meines Pärchens
zu und amüsiere mich,
wie es „seinen Baum“ bewacht.
So nützen wir uns gegenseitig.
Was stört mich der Eimer Kirschen,
den das Paar und die Jungen vertilgen?
Wo ich doch in Ruhe
zehn Eimer voll ernte und einkoche.
Zwar schimpfen darüber meine Gäste.
Doch die obere Baumhälfte
bepflücke ich nicht.
Soll ich mir den Hals brechen?
Erst als ringsum alle Bäume leer sind,
fallen die vereinigten Heerscharen
bei mir ein. Schmunzelnd ergebe ich mich
und vergebe leichten Herzens ihnen.

________________________________

Mittsommernacht

Gewitterregen prasselt
ans Schlafzimmerfenster.
Deine Hand findet
im Dunkeln meine.

Weißt du noch: damals
die Wanderhütte am See?
Zwei Stunden tobte
über uns das Gewitter.
Wir liebten einander nackt.
Und froren nicht.
Spiegelglatt lag danach
im Mondlicht der See.
Herrlich das Baden
im warmen Wasser.

Du schlüpfst
unter meine Decke.
Dein nackter Körper
drängt gegen meinen.

________________________________

Nein

Du sagst: nein.
Und ich frage mich:
Ist das nicht doch ein:
vielleicht ja?
Wäre es nicht besser,
du sagtest:
Nein, ich kann dich
nie lieben.
Deine Nase ist
einfach zu groß.
Aber heute, im Zeitalter
von Schönheitsoperationen,
wäre dies keine kluge Antwort.

_____________________________

Novembernacht

Novembernacht.
In der Ferne bellt
seit Stunden ein Hund.
Ich kann nicht schlafen.
Das Bett neben mir ist kalt.
Seit du für immer gingst,
habe ich dein Bettzeug
nicht gewechselt.
Doch langsam
verfliegt dein Duft.

_____________________________

Offenbarung

Du streifst
den Slip herunter.
Und offenbarst mir
dein Geheimnis.
Auch hier schmückt
dich rotes Haar.
Wird nun die Legende
von den Vorzügen
rothaariger Frauen
für mich
vielleicht wahr?

________________________________

Regen wispert

Regen wispert draußen
in Büschen und Bäumen.
Wie damals, als wir uns unter
der großen Kastanie küssten.
Nass dein Gesicht,
die langen Haare.
Und zum ersten Mal
dieses Gefühl von Glück.

Am Morgen fällten sie unseren Baum.
Nur der Nieselregen erinnert mich
ab heute noch an dich.

________________________________

Scheu lächelst du
Nu couché

Auf dem Bett.
Du lächelst scheu.
Als zeigtest du
zum ersten Male dich
nackt einem Mann.
Die festen Beeren der Brüste
verraten deine Erregung.
Öffne die Schenkel.
Wie sehr ersehne ich
das Erschauern deines Leibes
und wollüstiges Stöhnen.

________________________________

Schreibklausur

Die Berghütte im Schnee.
Eine große Holzmiete
draußen neben der Tür.
Brot, Butter, Käse,
Schwarzer Tee und Rum.
Wasser vom Bach.
Im Dorf kaufte ich Äpfel,
falls du mich besuchst.
Dann braten wir sie
köstlich im Ofen.
Der dicke Stapel Papier.
Ein blauer und ein roter Stift.
kann ich so altmodisch
ausharren drei Wochen,
im Zeitalter der
digitalen Zivilisation?

________________________________

Unzüchtige Verse

Rümpfe nicht die Nase, Liebe,
über meine derben Verse.
Im Bette hast du es
sicher nicht nur zärtlich gern.
Warum jedoch ist es dir dann
im Geistigen kein Genuss?

________________________________

Verknallt

Meine Enkelin, acht Jahre alt,
sagt: Oma, ich glaube,
Opa ist in mich verknallt.
Recht hat sie.
Ich bin verliebt in sie,
wie sie in zehn, zwanzig Jahren
sein wird: eine kluge, schöne Frau.
Und traurig,
dass ich es nicht mehr erlebe.

________________________________

Vor dem Spiegel

Nackt stehst du
vor dem Wandspiegel.
Ich trete hinter dich.
Mein Arm stützt
deine schweren Brüste.
Die andere Hand
liegt im üppigen Schoß.
Wir sehen unser Spiegelbild,
spüren einander.
Verlangen flammt auf.
Wir schließen die Augen.

________________________________

Warum sagtest du nein?

Warum sagtest du zögernd nein,
als ich dich fragte,
ob du mich liebst?
Ich seh doch
deinen Augen an:
Du sagst die Wahrheit nicht.
Hast du Angst vor Folgen?

Deine Gefühle für mich
schickst du in die Warteschleife,
als wärest du ein Kundentelefon.
Fürchtest du nicht,
ich lege einfach auf,
ohne noch länger
zu warten?

________________________________

Wilde Minze

Dieser heiße Julitag.
Mit gebirgehohem Himmel,
unbeschreiblich blau.
Flirrende Luft.
Wie zufällig treffen wir uns.
Queren gemeinsam das Wiesental.
An der kleinen Brücke
waten wir im kühlen Bach
voller Stichlinge.
Sind urplötzlich nackt. Im Paradies.
Du gibst dich mir. Ich nehme dich.
Ohne Besinnen.
Wir liegen in wilder Minze.

Im Wald vorm Dorf trennen
sich unsere Wege.
Du gehst zu deinem Mann.
Ich geh zu meiner Frau.

Heute Nacht liege
ich einsam wach.
So viele Jahre schon
sahen wir uns nicht.
Draußen schneit es seit Stunden.
Und plötzlich
schwebt im Zimmer der Duft
von deinem Minze-Schoß.

________________________________

Liebessprüche

Augen

Suchst du
fürs ganze Leben
dir einen Mann,
dann trau nur dem,
der ganz spontan,
arglos überwältigt von
deiner Augen Bann,
dir sagen kann:
Wie schön sie sind!
Wie sind Sie schön!

____________________________

Dieser

Dieser aber liebte die Frauen,
erachtete sie als gleich.
Wollte ihnen trauen.
Man sah es seinen weich
schimmernden Augen an,
wenn eine interessante Frau
vorüber kam.

____________________________

Gefährlich nah

Diese nicht geheure Nähe,
wenn man sich ungeschützt,
furchtlos in andere Hände gibt.
Darauf vertrauend,
dass nichts geschehe,
was weh tut und verletzt.

____________________________

Liebe

Nur mit Liebe bin ich zu bändigen.
Nicht allein durch der Triebe Kraft.
Würdest du zärtlich mich berühren,
könnte ich bersten vor Leidenschaft.
Es zwingt mich keine Macht der Welt
auf die Knie. Nur die Liebe. Sonst nichts.
Niemals. Nie. Nur sie.

____________________________

Wunsch

Sei du mir Vertraute
im Frauenland.
Und ich dir Vertrauter
im Männerland.
Ist dein Land mir
wie mein Land dir
doch fast unbekannt.